Paid Content: Eine Gesellschaft rettet sich selbst? (Teil 2)

Im ersten Teil  ging es um den Weg von Publizisten und Lesern bis zur aktuellen Diskussion um Paid Content.

Dass die Diskussion nun nicht mehr (nur) auf einer normativen Ebene geführt wird, sondern auf einer ökonomischen – dass es also ums schnöde Geld geht – zeigt, wie tief die Einschneidungen bereits sind. „Das Bewusstsein, dass man tatsächlich Unternehmen davon überzeugen kann, ein journalistisches Projekt zu unterstützen, ohne dass man als Journalist gleich seine Seele verkaufen muss, ist wirklich schön“, beschreibt Karsten Lohmeyer von lousypennies.de im April die Freude über den neuen Sponsor.

Es sind die digitalen Self-Publisher, die als Vorreiter der digitalen Auseinandersetzung in ihrer Branche alternative Bezahlsysteme einführten. Sie probieren es mit Abosystemen ebenso aus wie den Verkauf von Einzelartikeln und wollen wissen: Sind beide Modelle möglich, wenn sie zum digitalen Produkt passen? Laterpay macht den viel geforderten Einzelverkaufs auch für Blogger wirtschaftlich attraktiv. Magazinformate wie Krautreporter bleiben beim Abo oder bieten, wie Substanz, beides an. Entscheidend bleibt das eigene Wirtschaftsmodell – und die Interessen der Leser. Dabei agieren sie wie ein Verlag. Auch Springer for Professionals bedient mit dem Abo-Modell vorrangig die Interessen der „Professionals“, die „einen hohen und regelmäßigen Wissensbedarf haben.“ Jedoch, so Beatrice Gerner, Director eSolution von Springer for Professionals, auf Anfrage weiter  „denken wir auch über das zusätzliche Angebot des Einzelverkaufs von Inhalten nach.“

Im Grunde folgen die Modelle den Regeln des Social Web: der Einzelkauf ist ein Like, das Abo ein neuer Fan.

Auch Nutzer mit Gratiskultur können umlernen

So einfach ist das? Im Grunde schon. Denn die eigentliche Herausforderung ist die Umgewöhnung der Nutzer auf ein neues System. Kostenlos geht nicht mehr, kann nicht mehr gehen. Gerade weil Wissen und professionelle Neugier ein solcher Schatz unserer freiheitlichen Demokratie sind. Der Ruf nach Trennung zwischen Presse und Werbung hat nur Gehalt, wenn publiziertes Wissen wieder frei wird: frei vom TKP, frei von der Anzeigenabteilung, frei von der existentiellen Bedrohung. Die Nutzer haben gelernt, dass Filme und Musik auch digital konsumiert kostenpflichtig bleiben. Warum sollten sie es nicht für Fachwissen oder Qualitätsjournalismus lernen? „Wir machen keinen Content. Wir machen Journalismus“, sagen Dahm und Dilba von Fail Better Media GmbH. Digitales Publizieren ist keine Print-Verlängerung. Es ist Arbeit.

Und die Anerkennung von Arbeitsleistung wird derzeit gleich auf mehreren Bühnen diskutiert, von der Paketlogistik bis zur Rente. Denn Anerkennung und Wertschätzung sind Grundbedürfnisse eines Menschen. Nichts wert oder gar missachtet zu sein, ist ein erniedrigendes Gefühl. Dass die Bühne für eine neue Wertschätzung des Publizierens breiter wird, ist zu begrüßen. Mit Gutjahr, Lohmeyer und den Krauts hat die Debatte ein schönes Podium erhalten. Zu Recht: „Der Journalismus, der seit den 20er Jahren unendlich viel über die Lage der Fließbandarbeiter und des Industrieproletariats geschrieben hat, hat noch nicht begriffen, dass er nun selbst von dieser Entwicklung betroffen ist. Bisher hielt man es für undenkbar, dass auch geistige Arbeit auf diese Weise entwertet werden könnte. Genau an diesem Punkt sind wir aber jetzt,“ sagt FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in HORIZONT.

Wird 2014 also tatsächlich das Jahr einer neuen digitalen Selbstbestimmung von Wissenden und Publizierenden? Das wäre doch mal was.

Mit diesem Beitrag schließe ich mich gerne der Blogparade von Robert Weller zum Thema Paid Content an. Ich freue mich auf viele Perspektiven und Ansichten!

Über Tanja Beck

Geradlinige Lebensläufe haben ausgedient. Heute zählen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und die Offenheit, Neues zu erkunden. Ob als Ghostwriter, Content Strategin oder PR/Blogger Relation Managerin: Ich liebe Themenwelten und einen guten Diskurs. Aktuelle Schwerpunkte: Digitale Transformation, Blogger Relation und Ingenieurthemen.

2 Gedanken zu „Paid Content: Eine Gesellschaft rettet sich selbst? (Teil 2)

  1. Hallo Robert, schön, dass es gefällt! Und ja: LaterPay bedient das Leserinteresse sehr gut. Es ist wie Likes verteilen, halt auch monetär. Bin sehr gespannt, wie sich die Debatte entwickelt und das Modell in Realitätstests schlägt.
    Gute Nacht!
    Tanja

  2. Toll geschrieben!

    Eine Anmerkung hätte ich noch zu LaterPay: Ich glaube es ist gerade deswegen so interessant für Blogger, weil es interessant für deren Leser ist. Bezahlen erst ab einer bestimmten Summe und dann auch nur mit 2 Klicks – da kann keiner über umständliche Bezahlung meckern…

    Vielen Dank Tanja für diesen tollen Beitrag zur Blogparade!

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