Entscheider, auch nur Menschen des Systems

Meine Familie besteht aus Naturwissenschaftlern – durchgehend. Es gibt keinen nahen Verwandten, dessen Arbeit nicht unterm Mikroskop beobachtet, durch Schaltkreise überprüft oder durch Mathematik nachgerechnet werden kann. Ich bin es also gewohnt, dass man nicht versteht, was ich tue und warum.

Ich habe Sozialwissenschaften studiert. Ich bewundere Sozialwissenschaftler und Sozialpsychologen und ihre Art, Dinge vor allem über theoretische Annahmen und gesehene Ereignisse neu zu erdenken. Ich beobachte sie gerne und lasse mich mitziehen in Theorien und Debatten – ohne dabei eine Schnitte zu haben.  Journalismus wäre das handwerkliche Studienfach gewesen, um zu hinterfragen, recherchieren und ordnen, was Menschen bewegt. Am Ende wollte ich die Motive und Mechanismen menschlichen Verhaltens verstehen. Auch die Macht der Macht ist faszinierend, nicht wahr? Daher erschien mir die Politikwissenschaft im Hauptfach zusammen mit Psychologie und Germanistik perfekt. Und das war es, ich würde es auch heute wieder so wählen. Kaum lässt sich ein Spin-Doktor, eine UN-Verhandlung oder eben das Verhalten von Mitarbeitern und Führungskräften in Unternehmen so umfassend verstehen als aus der kombinierten Sicht dieser drei Disziplinen. Heute habe ich leider in der Regel viel zu wenig Zeit, um eine solch umfassende Sicht durchzuspielen.

Der Markt, ein riesiges Forschungsgebiet

Ein Sozialwissenschaftler ist aus mir dann also nicht geworden … oder doch? Eine Antwort ist nicht so leicht. Denn ist das Arbeiten am Markt etwas anderes als das Erstellen und Erproben von Theorien und die Forschung am (lebenden) Objekt? Entscheider in Unternehmen, Mitarbeiter in den unterschiedlichen Abteilungen, Kunden und Dienstleister – sie alle sind Forschungs- und Erkenntnisobjekte und treten in der Praxis immer wieder in anderen Konstellationen und unter vielfältigen Bedingungen auf. Und auch man selbst macht einen enormen Unterschied im System: Der Brüllaffe mit dick geprägter Visitenkarte wird noch immer als kompetenter wahrgenommen, als der stille Vertreter einer bescheidenden Denkschule. Das macht langfristig gesehen selten Sinn – aber auch die kurzfristigen Wahlgeschenke ziehen noch immer am besten. Menschen funktionieren so. Sie orientieren sich an Symbolen, folgen dem Bekannten, bewerten schnelle Vorteile höher als langfristige. Warum ist das Konzept der Nachhaltigkeit noch heute so schwer umzusetzen? Weil Vorteile, die gefühlt weit in der Zukunft liegen oder einen selbst nur indirekt betreffen, kein wirkliches Gewicht in die Waagschalen der Entscheidungen von heute werfen.

Es gibt mittlerweile viele Initiativen, die der Idee eines besseren Unternehmertum folgen: von der Führungsfrauenförderung, nachhaltiger Unternehmensführung und Wertschätzungsbewegungen. Starke Marken sind heute auch Medienmarken und Sinnstifter, wirtschaftlich zählt mehr, was du bist, als was du verkaufst. Die Auseinandersetzung mit dem Markenbild heute und der Vorstellung, welcher Eindruck morgen bestätigt werden kann und soll, sind – wie hören es immer wieder – essentiell. Nun muss dieses Wissen nur noch ins Bewusstsein von Entscheidern gelangen – und fruchten. Ich wär dann soweit.

Über Tanja Beck

Geradlinige Lebensläufe haben ausgedient. Heute zählen Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und die Offenheit, Neues zu erkunden. Ob als Ghostwriter, Content Strategin oder PR/Blogger Relation Managerin: Ich liebe Themenwelten und einen guten Diskurs. Aktuelle Schwerpunkte: Digitale Transformation, Blogger Relation und Ingenieurthemen.

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